ALM aktuell 10/2019

Labor 2.0 – zwischen Strukturwandel, dynamischer Entwicklung und E-Health

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„Nichts ist so beständig wie der Wandel“ ist ein häufig verwendetes Zitat des griechischen Philosophen Heraklit. Das trifft auch auf die aktuelle Situation im Gesundheitswesen zu, die geprägt ist von Wandel, Veränderung und dynamischer Innovation. Insbesondere mit der Digitalisierung zeichnen sich Umbrüche ab, die trotz der im Kern positiven Aussichten auf eine erhebliche Verbesserung der Kommunikation zwischen allen Beteiligten in der Versorgung auch Unsicherheit und intuitive Ablehnung in der Ärzteschaft auslösen.

Dr. Michael Müller, 1. Vorsitzender ALM e.V.

Im fachärztlichen Labor ist das weitaus weniger zu spüren. Die Arbeit in einem modernen medizinischen Labor ist schon seit etlichen Jahren von der Nutzung von IT für eine gute Patientenversorgung geprägt. Das betrifft die Anwendung von wissensbasierten komplexen Softwarelösungen zur internen Qualitätssicherung und Ergebnisbewertung ebenso wie die schon in den 90er Jahren etablierte elektronische Labordatenfernübertragung im LDT-Format.

Der nächste Schritt hin zu einer wirklichen Verbesserung, die auch in der Patientenversorgung ankommt, hängt entscheidend davon ab, ob und wie weitreichend es über die Sektorengrenzen hinweg und unter Einbeziehung aller Beteiligten inklusive der Patient*innen gelingt, eine gute und sichere Kommunikation mit Austausch der für die Versorgung wichtigen Daten zu erreichen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Bereitschaft zur weitgehenden und übergreifenden Strukturierung und Standardisierung der Daten, um die Kommunikation entsprechend zu erleichtern. Dabei müssten Daten, die in allen IT-Systemen benötigt werden, unter Verwendung international erprobter Standards möglichst bundesweit strukturiert werden.

Zur Verbesserung des Datenaustausches und der Kommunikation im Labor wird derzeit im Rahmen einer sektorenübergreifenden Gruppe intensiv an der Etablierung des international schon länger entwickelten Kodierstandards LOINC (Logical Observation Identifiers Names and Codes) gearbeitet. Der Nutzen dieses erheblichen Aufwandes wird auch darin liegen, Daten entsprechend der sozialgesetzlichen Rahmenbedingungen für die Versorgungsforschung nutzbar zu machen. Hier hat der ALM e. V. bereits die Zusammenarbeit mit wichtigen Institutionen auf den Weg gebracht.

Im Zusammenhang mit den Auswirkungen der Laborreform konnten wichtige qualitative medizinische Erkenntnisse erarbeitet werden, beispielsweise mit dem Ziel, das Augenmerk einer Reform stärker auf medizinische Aspekte der Versorgung zu lenken. Die Versorgungsforschung wird immer bedeutender, um den Nutzen von Innovationen im Versorgungsalltag besser messen zu können. Standardisierte und strukturierte Daten erleichtern diese wichtige Arbeit.

Die Untersuchung des klinischen Nutzens von Labordiagnostik für die Versorgung setzt voraus, dass die jeweilige Indikation für die Laboruntersuchungen möglichst gut gestellt worden ist. Die Formeln zur Abschätzung des positiven wie negativen prädiktiven Wertes (PPV, NPV) zeigen den Einfluss der Prävalenz auf diese beiden wichtigen Wahrscheinlichkeitsbetrachtungen. Über eine möglichst gute Vorauswahl der für die Anwendung einer Laboruntersuchung geeigneten Patient*innen wird die Prävalenz durch die Indikationsstellung quasi im Vorweg erhöht, womit die Indikationsstellung auch einen direkten Einfluss auf die Güte der Vorhersagewerte hat.

Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle interdisziplinäre Arbeit an der Entwicklung von Empfehlungen für ein standardisiertes Vorgehen (Diagnostische Pfade) besonders wichtig, um den Ärztinnen und Ärzten bei der Auswahl der richtigen Laboruntersuchungen zu helfen. Der ALM e. V. ist in den Arbeitsgruppen aktiv beteiligt, denn die spezifischen Kenntnisse der im medizinischen Labor tätigen Kolleginnen und Kollegen sind für eine solche Arbeit essenziell.

„Bestmögliche Medizin mit Labor“, lautet das Credo eines Facharztes für Laboratoriumsmedizin oder der Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. Für die zuweisende Ärzt*in ist das beim kollegialen Austausch mit Beratung zur Indikation, zur Interpretation und auch zur Veranlassung weiterer Labordiagnostik bei komplexeren medizinischen Fragestellungen erlebbar.

Häufig wird auch die Frage diskutiert, was denn noch ärztliche Tätigkeit sei im Labor und ob denn den Ärzt*innen nicht nahezu alles durch Automatisierung und IT quasi aus der Hand genommen, mithin ihr Mitwirken völlig überflüssig sei. Diese Diskussion lässt außer Acht, dass es die Fachärzt*innen im Labor und nur diese sind, die über die Untersuchungsmethoden, die Analysensysteme und auch über den Grad der Automatisierung bzw. den unterstützenden Einsatz von IT im Labor nach ärztlich-medizinischen Erwägungen entscheiden und entsprechend der geltenden gesetzlichen Vorgaben zur Qualitätssicherung im Verlauf überwachen. Diese Vorgaben setzen eine besondere ärztliche und für Speziallaboruntersuchungen auch fachliche Kompetenz für die Durchführung von Laboruntersuchungen voraus. So üben die Ärzt*innen im Labor ihren Beruf im Sinne der ärztlichen Berufsordnung frei und nach ihrem medizinisch-ärztlichem Gewissen aus.

Gerade für die junge Generation der Ärzteschaft ist es von großer Bedeutung, für eine gute Medizin am Patienten arbeiten zu können. Das gilt für alle Fächer gleichermaßen und ebenso für junge Laborärztinnen oder Mikrobiologen. Sie erwarten eine Willkommenskultur der Selbstverwaltung, ob in der Anstellung oder auf dem Weg zur Niederlassung als selbständig tätige Vertragsärzt*in, ob in Vollzeit oder mit flexiblen Arbeitszeitmodellen.

Schon in unserer Ausgabe vom Januar 2019 haben wir ausführlich über die bisweilen von blanken Vorurteilen und „Nichtwissenwollen“ geprägte Debatte um das Thema „MVZ/Kapitalgeber/Investoren/angestellte Ärzt*innen“ berichtet. Den Patient*innen und der Versorgung hat diese Diskussion – bei der bisweilen von externen Beobachter*innen der Verdacht geäußert wurde, dass manchem die Fragen nach unliebsamer Konkurrenz, Verteilung von Ressourcen und Macht wichtiger seien als Themen der künftigen flächendeckenden und wirtschaftlichen Patientenversorgung – nicht genutzt.

Und auch nach der Verabschiedung des TSVG (Terminservice- und Versorgungsgesetz) wird diese Diskussion geführt. Doch wem soll sie eigentlich nutzen? Im Interesse der Patient*innen und einer guten und sicheren Versorgung sollten die Qualität der Medizin und die Effizienz der Versorgung bei gleichzeitigem Schutz des gesellschaftlichen Interesses vor Abhängigkeit von Einzelinteressen, ob von Personen oder Unternehmen, als Gradmesser gelten. Hier bedarf es sicherlich einer intensiven gesellschaftlichen Debatte, an der wir uns als ALM e. V. weiter aktiv beteiligen werden.

In dieser Ausgabe
Dr. med. Michael Müller
Dr. med. Michael Müller 1. Vorstandsvorsitzender
Dr. Michael Müller ist niedergelassener Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Geschäftsführer des MVZ Labor 28. Seit Mai 2016 ist er 1. Vorsitzender des ALM e.V.
Dr. med. Michael Müller
Dr. med. Michael Müller 1. Vorstandsvorsitzender
Dr. Michael Müller ist niedergelassener Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Geschäftsführer des MVZ Labor 28. Seit Mai 2016 ist er 1. Vorsitzender des ALM e.V.

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