ALM aktuell 05/2021

„Wir haben gelernt, dass es wichtig ist, auf Pandemien vorbereitet zu sein“

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Prof. Ciesek ist Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum und Professorin für Medizinische Virologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie ist Fachärztin für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie sowie für Innere Medizin und Gastroenterologie. Zu ihren Schwerpunkten gehören neue Therapieformen für Hepatitis C und in jüngerer Zeit die Suche nach Medikamenten gegen COVID-19.
Prof. Dr. Med. Sandra Ciesek im Interview © Universitätsklinikum Frankfurt, Fotografin: Ellen Lewis
Prof. Dr. Med. Sandra Ciesek im Interview © Universitätsklinikum Frankfurt, Fotografin: Ellen Lewis

ALM e.V.: Ab wann war Ihnen klar, dass uns dieses Virus lange – nun ja schon über ein ganzes Jahr lang – beschäftigen wird?

PROF. DR. SANDRA CIESEK: Dass man das Virus kaum wird aufhalten können und es uns noch lange beschäftigen wird, war mir Anfang Februar 2020 klar. Damals haben wir asymptomatische Reiserückkehrer aus Wuhan untersucht und bei zweien vermehrungsfähiges Virus im Rachenabstrich gefunden. Es hat sich seither bestätigt, dass Menschen ohne Symptome eine große Rolle in der Übertragung spielen und das Virus in großer Menge in den oberen Atemwegen ausgeschieden wird. Das sind wichtige Faktoren, die die Pandemie so schwer kontrollierbar machen.

Müssen wir davon ausgehen, dass uns solche Pandemien noch öfter begleiten werden? Und was können wir alle tun, um uns davor zu schützen?

Pandemien durch neuartige Viren gab es in der Weltgeschichte immer wieder, und sicherlich wird SARS-CoV-2 nicht das letzte derartige Virus sein, das das Potenzial hat, eine Pandemie auszulösen. Wichtig zur Bekämpfung ist eine sehr gute internationale Zusammenarbeit mit Strukturen zur Früherkennung und Eindämmung von Gesundheitsrisiken durch neuartige Viren, die häufig ihren Ursprung im Tierreich haben. Daher ist auch der Naturschutz ein ganz wichtiger, zentraler Teil in der Vorbeugung neuer Pandemien.

Die Labordiagnostik hat durch SARS-CoV-2 eine enorme Aufmerksamkeit bekommen. Wie schätzen Sie die Wertschätzung der Arbeit in der medizinischen Versorgung – Ihrer in einer Universitätsklinik, aber auch die der ambulanten und stationären Labore – in der Bevölkerung sowie bei den Verantwortlichen ein?

Während wir zu Beginn der Pandemie große Anerkennung auch aus der Bevölkerung erfahren haben, ist nun schon länger eine Normalität eingetreten. Wir testen ein viel höheres Probenaufkommen als vor der Pandemie, ohne dass wir unsere Ressourcen und unser Personal in der Diagnostik bedeutend ausweiten konnten. Tatsächlich glaube ich aber, dass nun der breiten Öffentlichkeit klar wurde, wie wichtig es ist, erfahrene, spezialisierte Labore für die Virusdiagnostik zur Verfügung zu haben. Hier hat sich durch die Pandemie hoffentlich auch langfristig etwas getan.

Welche Rolle können die Antigentests in der Teststrategie spielen?

Die Antigentests sind einer von vielen verschiedenen Bausteinen, die wir in der Pandemiebekämpfung einsetzen können. Die einfache Anwendung ohne die Notwendigkeit von speziell ausgebildetem Personal, die schnelle Verfügbarkeit des Ergebnisses und die niedrigen Kosten sind klare Vorteile, die man auch nutzen sollte. Es gibt aber auch Limitationen, weil das Ergebnis unsicherer ist als das Ergebnis einer PCR.

Welchen Vorteil hat die bundesweit wohnortnahe strukturelle Organisation der fachärztlichen Labore aus Ihrer Sicht – auch im Vergleich zu anderen Ländern – und wie bewerten Sie rückblickend die Zusammenarbeit zwischen Privat- und Universitätslaboren? 

Zunächst einmal benötigt man in einer solchen Pandemie spezialisierte Labore, die bereits Erfahrung in der Diagnostik neuartiger humanpathogener, also Menschen krank machender Viren, haben. Solche Labore findet man besonders an großen Universitätskliniken. Hier finden Untersuchungen und Forschung, auch in Hochsicherheitslaboren, statt, die „normale“ labormedizinische Einrichtungen nicht abbilden können. Um eine große Menge von Proben in gewaltigen Testkampagnen untersuchen zu können, ist dann aber auch die Verfügbarkeit von Privatlaboren mit entsprechenden kommerziellen Großgeräten und mit bestehenden Logistikstrukturen eine wichtige Ergänzung. Die wohnortnahe Verteilung der Labore ist sehr hilfreich, um durch kurze Transportwege schnellere Ergebnisübermittlungen erreichen zu können.

Was wären aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Dinge, die in den kommenden Monaten zur erfolgreichen Pandemiebewältigung zu tun wären?

Die wichtigsten Punkte sind für mich ganz klar erstens die schnelle Impfung von so vielen Menschen wie möglich, besonders von Patientinnen und Patienten mit einem hohen Risiko für einen schweren Verlauf, zweitens das Aufrechthalten von Maßnahmen (AHA-Regeln etc.) zur Reduktion von Übertragungen, bis ein großer Teil der Bevölkerung geimpft ist und drittens das sinnvolle Ausschöpfen der Testkapazitäten zum raschen Identifizieren von Fällen.

Was wären Ihre drei wichtigsten Erkenntnisse aus dem bisherigen Verlauf der Pandemie im Sinne von „Lessons learned“?

Für die Zukunft haben wir viele wichtige Dinge gelernt. Dazu zählt, dass es wichtig ist, auf Pandemien vorbereitet zu sein. Dazu zählt die Bereitschaft spezialisierter virologischer Labore und Strukturen für eine reibungslose internationale Zusammenarbeit. Wir haben wieder einmal gesehen, welch überragende Rolle die Impfstoffforschung in der Bekämpfung von Infektionskrankheiten hat. Von wichtigen Entwicklungen in den letzten Jahren, wie zum Beispiel mRNA- und Vektorimpfstoffen, können wir jetzt profitieren. Es lohnt sich also sehr, gerade hier in Grundlagenforschung zu investieren.

Wir haben aber auch vor Augen geführt bekommen, wie ungleich die Last der Pandemie in der Gesellschaft verteilt ist. Nicht nur durch die Erkrankung selbst, auch die Lockdown-Maßnahmen treffen nicht alle sozialen Schichten gleichmäßig. Wie widerstandsfähig eine Gesellschaft gegen Pandemien ist, ist demnach auch eine gesellschaftspolitische Frage.

In dieser Ausgabe

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