Laborärzte und Mikrobiologen kommentieren mit einem Positionspapier den Nutzen der Vor-Ort-Diagnostik mit dem CRP-Schnelltest zur Reduktion der Antibiotikaverschreibungen in der Arztpraxis

Antibiotikaresistenzen vermeiden: Besser nachhaltig mit erfolgversprechenden rationellen Konzepten

Rund um den Europäischen Antibiotikatag (18. November) diskutierten in dieser Woche Expertinnen und Experten wieder verstärkt über den sinnvollen Einsatz von Antibiotika und die Medien berichteten ausführlich über unterschiedliche Projekte und Maßnahmen. Die Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM e.V.) und der Berufsverband der Ärzte für Mikrobiologie (BÄMI e.V.) nehmen dies zum Anlass, vor der zunehmenden Zahl an Verträgen zu warnen, die die Kassenärztlichen Vereinigungen und gesetzlichen Krankenkassen derzeit mit Industrieanbietern schließen, um die Einführung eines Vor-Ort-Schnelltestes in der Arztpraxis zur Bestimmung des C-reaktiven Proteins (POCT-CRP) voranzutreiben.

„Nationale und internationale Studien zeigen, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass die Vor-Ort-Bestimmung von CRP in Arztpraxen bei der Entscheidung, ob eine Therapie mit Antibiotika eingeleitet werden sollte, einen Nutzen bringt“, sagt Prof. Dr. Jan Kramer, Vorstandsmitglied und Sprecher der AG Versorgungsforschung des ALM e.V. Und Dr. Michael Müller, 1. Vorsitzender des fachärztlichen Berufsverbandes betont: „Dass viele gesetzliche Krankenkassen trotz der eindeutigen Datenlage reihenweise Verträge hierzu geschlossen haben, ist aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar und eine Verschwendung von Beitragsgeldern.“

Teilweise würde die Bestimmung von CRP in der Arztpraxis in diesen Verträgen extrabudgetär mit dem Mehrfachen des aktuell festgelegten Kostenerstattungssatzes im EBM erstattet – und dies in einer Zeit, da immer wieder heftig um Einsparungen, insbesondere bei den Laborkosten, gerungen wird. Dabei seien die aktuell verfügbaren diagnostischen Mittel zur Klärung der Frage, ob eine Antibiotikatherapie sinnvoll ist, ausreichend, zweckmäßig und insbesondere wirtschaftlich, ergänzt Müller. „Unter Berücksichtigung des Wirtschaftlichkeitsgebotes ist die flächendeckende Einführung eines CRP-Schnelltests in der Praxis weder sachlich und medizinisch begründbar, noch ökonomisch sinnvoll.“

Auch der Berufsverband der Ärzte für Mikrobiologie warnt vor dem allgemeinen POCT-CRP-Hype: „Zuallererst ist der bereits durch den EBM abgedeckte Biomarker Procalcitonin (PCT) dem CRP in der diagnostischen Vorhersage einer Bakteriämie oder zur Unterscheidung bakterieller und nicht-bakterieller Infektionen überlegen“, erklärt die BÄMI-Bundesvorsitzende Dr. Daniela Huzly. Darüber hinaus könnten sowohl eine PCT- als auch eine CRP-Messung schon heute zeitgerecht innerhalb weniger Stunden durch ein fachärztliches Labor erbracht werden.

Ohnehin beschreiben Publikationen, wie der erst im April 2019 veröffentlichte Ergebnisbericht des Robert Koch Instituts „Rationaler Antibiotikaeinsatz im ambulanten Sektor“ wesentlich nachhaltigere Lösungsansätze zur Reduktion des Antibiotikaeinsatzes: „Schulungen der Ärzte, die auch die Kommunikation zwischen Arzt und Patient fördern, sowie Diskussionen innerhalb der Ärzteschaft werden hier als wichtiger Beitrag zur Vermeidung von Antibiotikaresistenzen aufgeführt“, so Prof. Jan Kramer, Sprecher der AG Versorgungsforschung des ALM e.V.

Eine weitere Studie zum verzögerten Einsatz von Antibiotika (JAMA Intern Medicine 2015; doi: 10.1001/jamainternmed.2015.7088) zeigt: Der häufig unnötige Antibiotikaeinsatz bei unkomplizierten oberen Atemwegsinfektionen kann deutlich gesenkt werden, wenn die Patienten instruiert werden, das Rezept nur bei einer Verschlechterung einzusetzen, oder wenn ihnen das Rezept erst nach drei Tagen in der Praxis überreicht wird.

Vor diesem Hintergrund sei die Fehl-Allokation von Finanzmitteln durch eine medizinisch nicht indizierte sowie im Sinne einer guten Patientenversorgung nicht notwendige Förderung einer Vor-Ort-Bestimmung von CRP mittels Schnelltest zu beenden und die hierfür verwendeten Mittel in die verstärkte Schulung und Fortbildung zu investieren, fordern ALM e.V. und BÄMI e.V.

„Statt Beitragsgelder in teure Zusatzverträge zu stecken, wäre es besser, gemeinsam mit den Fachärzten für Laboratoriumsmedizin sowie für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie an nachhaltigen Lösungsansätzen zur Vermeidung von Antibiotika-Resistenzen zu arbeiten.“ Ein sehr positives Beispiel, an dem sich künftige Maßnahmen ausrichten ließen, stelle das Innovationsfonds-Projekt RESIST (Resistenzvermeidung durch adäquaten Antibiotikaeinsatz bei akuten Atemwegsinfektionen) dar. „Wir sind gerne bereit, daran anzuknüpfen und neben klinischen Aspekten insbesondere die diagnostischen und methodisch-analytischen Fachkenntnisse in die Diskussion über die Vermeidung von Antibiotikaresistenten einzubringen“, so Dr. Michael Müller.

Hintergrund

Mit dem im Jahre 2017 verabschiedeten GKV-Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz hat der Gesetzgeber klargestellt, dass der EBM um Leistungen ergänzt werden soll, damit Diagnostika zur schnellen und qualitätsgesicherten Antibiotikatherapie eingesetzt werden können. Mit der Aufnahme des Biomarkers Procalcitonin (EBM GOP 32459) und weiterer Leistungen im Bereich der mikrobiologischen Diagnostik hat der Bewertungsausschuss das sachgerecht umgesetzt. In der Folge sind zur Verbesserung und Reduktion des Einsatzes von Antibiotika in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung verschiedene Projekte und Modellvorhaben in verschiedenen KV-Regionen eingeführt und mittlerweile hinsichtlich ihrer Wirkungen und Effekte ausgewertet und beurteilt worden.

Aktuell wird mit und ohne solche Modellvorhaben zur Untersuchung des Nutzens für die ambulante Versorgung in einer zunehmenden Anzahl an KV-Regionen die Einführung eines Vor-Ort-Schnelltestes in der Arztpraxis zur Bestimmung des C-reaktiven Proteins (POCT-CRP) vorangetrieben. Insgesamt bleibt zusammenfassend festzustellen, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Datenlage hinsichtlich eines belegbaren Nutzens für die Durchführung eines POCT-CRP in der Arztpraxis nicht ausreichend ist, um diese Untersuchung mit zusätzlichen finanziellen Mitteln in die Versorgung einzuführen.

Über die Akkreditierten Labore in der Medizin – ALM e.V.

ALM e.V. ist der Berufsverband der Akkreditierten Medizinischen Labore in Deutschland. Der Verband vertritt derzeit über 200 medizinische Labore mit 900 Fachärzt*innen, rund 500 Naturwissenschaftler*innen und etwa 25.000 qualifizierten Mitarbeiter*innen. Der Zweck des Vereins ist die Förderung und Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen labormedizinischen Patientenversorgung in Deutschland.

Die Mitglieder des Verbandes sichern eine flächendeckende Patientenversorgung, auch in strukturschwachen Gebieten. Die Mitgliedslabore sind nach der höchsten Qualitätsnorm für medizinische Laboratorien (DIN ISO EN 15189) akkreditiert und erfüllen uneingeschränkt die Richtlinie der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung labormedizinischer Untersuchungen (RiliBÄK).

Die Aus- und Weiterbildung des ärztlichen und technischen Personals ist ein wesentlicher Aspekt ihrer täglichen Arbeit, um langfristig die zuverlässige Versorgung von Millionen von Patienten sicherstellen zu können. Der Verein strebt eine kollegiale Zusammenarbeit mit der gemeinsamen Selbstverwaltung, den medizinischen Fachgesellschaften, Berufsverbänden und Vereinen an, um gemeinschaftlich die Zukunft der Labore in der medizinischen Diagnostik in Deutschland zu gestalten.

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