„Ich spreche jeden Tag mit 30 bis 40 Fachkollegen. Doppelte Kompetenz für eine sichere Diagnose.”

Interview mit Brita Gaida, Fachärztin für Laboratoriumsmedizin

Brita Gaida, Fachärztin für Laboratoriumsmedizin

Doppelte Kompetenz zum Wohle des Patienten – was genau verbirgt sich dahinter?

Brita Gaida: Auch wenn es vielen Patienten nicht bewusst ist, sehr oft werden sie von mehreren Ärzten betreut. Die Befunde vom behandelnden Arzt in der Praxis und Fachärzten im Labor werden zusammengeführt und gemeinsam ausgewertet. Erst danach wird eine Diagnose gestellt und die Behandlung festgelegt.

Beraten Sie selbst ebenfalls Patienten?

Ja, das ist immer häufiger der Fall. Heute sind die Patienten oftmals sehr gut informiert und kommen direkt zu uns ins Haus, wenn sie zum Beispiel spezielle Fragen zu ihrem Befund haben oder gegebenenfalls weiterführende Diagnostik wünschen.

In welchen Fällen rufen Sie den einsendenden Arzt an?

Natürlich vor allem dann, wenn es gilt, zum Wohle des Patienten sehr schnell zu handeln. Geben zum Beispiel die Laborwerte einen Hinweis auf das Vorliegen eines Herzinfarkts oder einer Sepsis ist es wichtig, ein ganz schmales Zeitfenster einzuhalten, um den Patienten schnellstmöglich einer therapeutischen Intervention zuzuführen. In diesen Fällen sind andere Aufgaben natürlich sekundär und können warten.

Wie sieht es denn mit den Informationen auf den Laboranforderungsscheinen aus?

Die Anforderungsscheine enthalten selten umfassende Informationen zum Patienten. Ich rufe zum Beispiel die einsendenden Kollegen an, wenn ein serologischer Befund einen Verdacht auf eine Hepatitis ergibt und mir jegliche Zusatzinformation zum Patienten fehlt. Ich frage dann den behandelnden Arzt, ob es in der Anamnese Hinweise auf eine chronische Lebererkrankung gibt, diese bereits bekannt ist oder vielleicht eine aktuelle Symptomatik besteht. Gemeinsam besprechen wir so die Ergebnisse, und der Befund kann erstellt werden. Ohne die gegenseitige Information ist dies nur schwer möglich.

Und in welchen Fällen rufen die Kollegen bei Ihnen an?

Die Frage ist ja immer: sind Klinik und Laborbefund stimmig? So kommt es manchmal vor, dass die Laborergebnisse in der vorliegenden Konstellation für den behandelnden Arzt schwer zu interpretieren sind. Eine selten vorkommende Symptomatik für den Einsender ist möglicherweise auch eine seltene Laboranforderung für den Kollegen. In so einem Fall klären wir gemeinsam die offenen Fragen.

Wie ist das eigentlich, kennt man sich untereinander?

(Lacht) Ja, einige Ärzte kenne ich schon seit vielen Jahren. Da wird man auch direkt zur Besprechung der Befunde verlangt, oder eben gleich persönlich kontaktiert. Insgesamt sind es aber sehr, sehr viele ärztliche Kollegen mit denen ich zusammenarbeite, da kennt man sich natürlich nicht immer.

Wie läuft es ab, von der Ankunft der Probe im Labor bis die Ergebnisse zu Ihnen gelangen?

Durch unsere Kurierfahrer wird das Material der Patienten im Laufe des Tages von den Arztpraxen abgeholt und zu uns ins Labor gebracht. Dann gehen die Proben in die Verteilung, Stammdaten-Erfassung und danach direkt in die Analytik, wo die Untersuchungen stattfinden. Dieser Teil der Arbeit wird von unseren medizinisch technischen Assistenten durchgeführt. Die Testergebnisse geben ebenfalls MTAs technisch frei. Ich als Laborärztin betreue diese Abläufe methodisch und erstelle im Anschluss mit Hilfe des EDV-Systems unseres Hauses Gesamtbefunde. An dieser Stelle tritt dann häufig die Frage nach Plausibilität auf, es erfolgen Vergleiche mit Vorbefunden und so fallen eben auch zumeist Unstimmigkeiten oder sogenannte „Ausreißer“ auf. Zeigen die ermittelten Laborergebnisse zum Beispiel, dass eine Medikation beim Patienten angepasst werden muss, geben wir diese Information umgehend der Sprechstundenhilfe oder direkt an den einsendenden Arzt weiter. Somit kann der Patient schnellstmöglich informiert und behandelt werden.

Wann ist es besonders wichtig, schnell zu reagieren?

Neben dem Verdacht auf Herzinfarkt natürlich unter anderem bei den meldepflichtigen Infektionen, ein aktuelles Beispiel aus der jüngsten Zeit – die Masern. Da ist es wichtig, dass Schulen und Kindergärten schnell reagieren können. Ebenso bei einer Hepatitis A oder Salmonellen Infektion, wenn die betreffende Person zum Beispiel in der Gastronomie arbeitet. Der Zeitfaktor spielt eine ebenso entscheidende Rolle bei auffälligen Leberwerten von Neugeborenen, um gegebenfalls eine gezielte Therapie möglichst umgehend einleiten zu können. In solche zum Glück seltenen Fällen bekomme ich eine Vorabinformation per Telefon meist direkt von meinen Mitarbeitern am Analysegerät. Somit können wir schnell reagieren.

Das ist eine sehr große Verantwortung, die Sie haben. Wie gehen Sie damit um?

Das ist ja mein Job. Zum Glück haben wir am Tag tausende von unauffälligen Werten und meine Aufgabe ist es, die kritischen sicher zu erkennen und entsprechend schnell zu reagieren. Wo kann ich warten und an welcher Stelle ist meine prompte Reaktion Pflicht. Der behandelnde Arzt benötigt das Ergebnis, um „unseren“ Patienten zeitnah und optimal betreuen zu können.

Wenn Sie z. B. Masern diagnostiziert haben, meldet dann das Labor dies dem Gesundheitsamt?

Ja, das machen wir, und parallel auch der behandelnde Arzt. Hier gilt ebenfalls: doppelt – um alles zu bedenken.

Sie sind offensichtlich sehr gerne Laborärztin.

Ja, das stimmt. Als ich mit meinem Medizinstudium begann, war ich Hebamme und wollte später unbedingt in die Gynäkologie und Geburtshilfe. Dann habe ich irgendwann mit Labor angefangen und bin dabei geblieben. Es ist ein spannender und innovativer Bereich der Medizin, und Beruf und Familie lassen sich sehr gut vereinbaren.

Frau Gaida, herzlichen Dank für das Gespräch.