Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbandes, Im Interview

„Die derzeitige Diskussion um MVZ halte ich für verlogen!“

Franz Knieps, damals als Abteilungsleiter im BMG einer der Geburtshelfer der Medizinischen Versorgungszentren und heute Vorstand des BKK-Dachverbandes, fordert faire Bedingungen im Wettbewerb.

Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbandes, im Interview

ALM e.V.: Wie beurteilen Sie die aktuellen politischen Diskussionen im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) um die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ)?

Franz Knieps: Wenn ich mir die Äußerungen des Bundesrates ansehe, dann bin ich nur entsetzt: Diese Differenzierung, woher das Geld kommt, ist absurd. Und dass derjenige, der das Geld in einer Einzel- oder Gemeinschaftspraxis verdient, damit prahlen darf – wie die Zahnärzte, dass sie Kapitalrenditen zwischen zwanzig und dreißig Prozent haben – dass aber andere, die das Geld institutionell anlegen und dafür eine Rendite von fünf Prozent haben wollen, Heuschrecken sind, halte ich schlichtweg für unseriös!

 

„Letztlich kommt es für mich darauf an, dass es faire Bedingungen für alle gibt.“

 

Eine andere Frage ist, ob wir diejenigen wirklich als Betreiber und Inhaber von MVZ haben wollen, die keinen Bezug zum Gesundheitswesen haben. Hier kann ich mir zumindest vorstellen, dass man so etwas wie „Firewalls“ braucht, damit die ärztliche oder zahnärztliche Unabhängigkeit gewährleistet werden kann – ebenso, wenn ein Unternehmen eine marktbeherrschende Stellung in einem Versorgungsgebiet erlangt. Denn ich will nicht nur von einer Kette im Land bedient werden. Da muss nach wie vor Wettbewerb möglich sein. Letztlich kommt es für mich darauf an, dass es faire Bedingungen für alle gibt. Es kann nicht sein, dass wir nur noch Großinvestoren haben, es kann aber auch nicht sein, dass der kleine Arzt mit der „Technik im Hinterzimmer“ verhindert, dass gerade bei technisch geprägten ärztlichen Richtungen, die höhere Investitionen erfordern, größere Einheiten verhindert werden. So geht das nicht.

... zumal diese größeren Einheiten ja gewollt sind – siehe Paragraph 87, wo technische Leistungen zugunsten der sprechenden Medizin neu bewertet werden sollen.

Und hier muss man auch aufpassen: Wir hatten ja mehrere solcher Abwertungsrunden im Bereich der technischen Leistungen. Eine Beschneidung dieser Leistungen heißt aber noch lange nicht, dass anderswo mehr Geld ankommt. Das ganze Honorarsystem ist dermaßen komplex und durch ein intransparentes Zusammenspiel von EBM und Honorarverteilungsmaßstab für den Einzelnen nicht mehr nachvollziehbar. Darin sehe ich ein wesentlich größeres Problem als in der Unausgewogenheit der Honorare für die einzelnen Arztgruppen.

Zurück zur Ökonomisierungsdebatte: Darf Gewinnstreben überhaupt eine Rolle spielen in einem solidarischen Gesundheitssystem?

Wenn ich das mit Nein beantworten würde, dann müsste ich mich gleichzeitig auch für den National Health Service aussprechen. Denn auch die einzelne Arztpraxis – sei sie noch so klein – strebt natürlich nach Gewinn. Und manchmal ist dieses Gewinnstreben hemmungsloser als bei einer größeren Firma, die öffentlich Rechenschaft ablegt, eine Bilanz aufstellt und sich in die Karten schauen lässt. Kapitalinvestoren wird jedoch auch seitens der Politik gerne unterstellt, sie seien nur am schnellen Gewinn interessiert, würden den Markt aussaugen und dann wieder verschwinden und Versorgungsprobleme hinterlassen. Das ist eine sehr steile These. Dazu hätte ich gerne mal die historische Evidenz. Warum sollte denn eine Heuschrecke, wie sie immer genannt wird, erst kaufen, dann das Geld abschöpfen und danach die Quelle ihres Geldschöpfens fallen lassen. Also diese Gefahr sehe ich nicht.

Der zweite Mythos, der sich übrigens hartnäckig hält, ist der, dass solche MVZ nur in der Stadt entstehen und das Land nicht versorgen. Als Beleg hierfür wird gerne angeführt, dass nur zwanzig bis dreißig Prozent dieser Zentren auf dem Land existieren. Ja, klar! In dieser Republik leben ja auch nur zwanzig bis dreißig Prozent der Menschen auf dem Land! Im Übrigen sind es eben häufig die MVZ, die Zweigpraxen auf dem Land eröffnen, die rollierende Praxen ins Leben rufen und dann zum Beispiel Gemeindehäuser anfahren. Solche Ideen sind aus der Einzelarztpraxis nicht zu erwarten. Hier werden Szenarien an die Wand gemalt, die passieren könnten, so aber noch nicht passiert sind – und wohl auch nicht passieren werden. Wenn ein Laden gut läuft und dort gutes Geld zu verdienen ist, dann wird man immer auch jemanden finden, der ihn betreibt.

Es wird ja im Zusammenhang mit der MVZ-Diskussion immer kolportiert, angestellte Ärzte seien nicht frei in ihrer Entscheidung und auch keine Freiberufler. Das scheint doch eine große Sorge der niedergelassenen Ärzte zu sein.

Dieser Quatsch begleitet mich übrigens schon seit fünfundzwanzig Jahren, als die MVZ eingeführt werden sollten. Es bedurfte insgesamt fünfzehn Jahre langer Diskussionen und schlussendlich eines beherzten Eingreifens des sachsen-anhaltinischen Ministerpräsidenten Professor Böhmer. Der hatte nämlich extrem genervt auf die Frage einer jungen Abgeordneten, ob man als Arzt nicht freier Unternehmer sein müsse, erklärt, dass er, der sachsen-anhaltinische Landesvater, in seiner Karriere als Arzt 14.000 Kinder auf die Welt gebracht hätte und in dieser Zeit keinen Tag selbständig gewesen sei. Und dann stellte er die Frage, ob man nun glaube, sein Leben als Arzt sei verpfuscht. Erst diese Anekdote führte zum Durchbruch.

 

„Freiberuflichkeit kann doch nur heißen: Ich bin in meiner ärztlichen Entscheidung absolut unabhängig.”

 

Freiberuflichkeit kann doch nicht heißen, dass ich als Unternehmer selbständig sein muss. Freiberuflichkeit kann doch nur heißen: Ich bin in meiner ärztlichen Entscheidung absolut unabhängig und ich bin nicht von Rendite, Kapital, aber auch nicht von Eigeninteressen dominiert. Wenn ich mir aber die gesamte Debatte in der Ärzteschaft – auch um die GOÄ – anhöre, dann spottet das, mit welchen Argumenten da gekämpft wird, jeder Beschreibung: Wo bleibt denn da bitte die Freiberuflichkeit? Und übrigens: Mit die qualifiziertesten Ärzte sitzen als Spezialisten, als Forscher, als Spitzenmediziner in Kliniken. Die sind ihr ganzes Leben lang nicht als Unternehmer tätig. Und keiner würde bestreiten, dass sie freiberuflich tätige und exzellente Ärzte sind. Diese ganze Debatte ist verlogen.

Werden nicht in der ganzen Diskussion auch diejenigen vergessen, die morgen für unsere Gesundheit sorgen sollen – die jungen Ärztinnen und Ärzte?

Das ist genau der Punkt: Die jungen Medizinerinnen und Mediziner folgen ja nicht mehr der Logik: Ich gehe ins Krankenhaus, mache dort meine Weiterbildung, werde vielleicht noch Oberarzt und dann lasse ich mich mit fünfunddreißig bis vierzig Jahren nieder, nehme einen riesigen Bankkredit auf und bleibe dort auch bis zum Ende meiner beruflichen Zeit. Das wollen die jungen Ärztinnen und Ärzte heute nicht mehr: Sie wollen sich nicht verschulden, und sie wollen auch keine Entscheidung für ein ganzes Leben mehr treffen. Warum hier ausgerechnet der Vorsitzende des Marburger Bundes gegen die Interessen seiner Mitglieder handelt, ist mir völlig unverständlich. Ich kann doch nicht beim Wilhelminismus bleiben, wenn längst die Republik eingeführt ist. Solches Handeln ist extrem kurzsichtig und bewahrt im Übrigen auch nicht den Besitzstand.

 

„Kaum ein junger Mediziner kann die Mittel aufbringen, die es braucht, um sich permanent auf dem Laufenden zu halten.”

 

Die Bereiche der Medizin, die extrem innovativ und technikaffin sind, brauchen permanente Re-Investitionen. Kaum ein junger Mediziner, selbst, wenn er aus besten Verhältnissen stammen sollte, kann die Mittel aufbringen, die es braucht, um sich permanent auf dem Laufenden zu halten. Zudem: Wenn ich in die Zukunft schaue und mir die aktuellen Diskussionen um Künstliche Intelligenz anhöre, dann wird sich das Arztbild doch noch viel deutlicher wandeln. Irgendwann wird es doch gar keine Befundung mehr ohne KI geben. Dann wird es weniger Ärzte geben, die die Technik betreiben, aber dafür mehr Ärzte, die die Ergebnisse auswerten, empathisch sind und die Patientinnen und Patienten auf den Weg der Behandlung vorbereiten.

Welche Lösung sehen Sie, um einerseits die Probleme, die im zahnärztlichen Bereich beschrieben werden, anzugehen, andererseits aber bewährte Strukturen nicht zu zerstören?

Ich habe mir in meinem Berufsleben im deutschen Gesundheitswesen schon so viele Apokalypsen anhören müssen, dass die Welt schon längst untergegangen sein müsste, würde sie nur aus dem Thema Gesundheit bestehen. Von der Systematik her müssten die Zahnärzte, um deren vermeintliche Probleme es ja in der ganzen MVZ-Diskussion geht, ihren eigenen Abschnitt im SGB V bekommen. Dann könnten Dinge, die die Zahnärzte betreffen, auch dort gelöst werden. Ich halte es für einen Strukturfehler im SGB V, dass es immer noch die allgemeine Verweisung im zahnärztlichen Bereich auf Regelungen bei den niedergelassenen Ärzte gibt. Ohnehin würde ich Politikern raten, genau hinzuschauen und sich belegen zu lassen, dass es ernsthafte Probleme gibt. Und ich würde die Zahnärzte auch fragen, warum ihre eigenen Rechenschaftsberichte das Paradies aufzeigen und jetzt die Politik Maßnahmen ergreifen soll, um das Paradies zu schützen: Eva hat in den Apfel gebissen und das Paradies ist offen für Alle!

ALM aktuell 01/2019 in der Druckversion zum Download (800 kB)

 


Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbandes

Zur Person

Franz Knieps ist Vorstand des BKK-Dachverbandes