„Wir versorgen 500.000 Patienten in unseren Laboren. Jeden Tag.”

Interview mit Dr. Mathias Zimmermann, Facharzt für Laboratoriumsmedizin

Dr. Mathias Zimmermann, Facharzt für Laboratoriumsmedizin

500.000 Patienten am Tag – wie kommt diese hohe Zahl zustande?

Dr. Mathias Zimmermann: Für fast jeden Patienten, der zum Arzt oder ins Krankenhaus geht, wird eine Laboruntersuchung wie ein kleines Blutbild oder klinisch-chemische Analytik angefordert. Dies passiert also viel häufiger als z. B. die Anfertigung einer Röntgenaufnahme. So unterstützen wir in ca. 70 % aller Fälle die Diagnosestellung und führen allein in unserem Zentrallabor über 30 Millionen Untersuchungen pro Jahr durch. Die Mitglieder des ALM repräsentieren mehr als 50 % der Labore in Deutschland, so kommt es zu dieser hohen Zahl an versorgten Patienten am Tag.

Das Labor stellt somit eine sehr hohe Leistungskapazität für die Patientenversorgung zur Verfügung?

Ja, genau. Die Laboranalytik ist praktisch zeitgleich mit dem Besuch beim Arzt oder im Krankenhaus für den Patienten verfügbar. Denn anders als beim Röntgen oder CT muss der Patient für eine Labortuntersuchung nicht extra einen Termin bekommen, welche ja oftmals eng vergeben werden. Zudem sind die Laborprozesse heute durch sehr hohe Automatisierungsgrade und eine effektive IT-Unterstützung so weit ausgereift, dass Laborwerte an jedem Tag, zu jeder Zeit und an jedem Ort zur Verfügung gestellt werden können. Auch kann man von einem Patienten mit einer einzelnen Blutabnahme sehr viele Analysen gleichzeitig durchführen, was hocheffektiv und zeitnah sehr viele verschiedene Differentialdiagnosen ermöglicht.

Was meinen Sie mit ausgereiften Prozessen?

Ein Beispiel: für die Anfertigung eines umfangreichen Blutbilds mit fast 100 Einzelmesswerten brauchen wir heute nur noch knapp 90 μl Probenvolumen. Dies ist für Neugeborene und Kleinstkinder ein enormer Vorteil, da wir für diese Analytik auch das Fersenblut verwenden können. Ein anderes Beispiel ist die Untersuchung von Liquor, was bei Erkrankungen wie Multipler Sklerose wichtig ist: pro Punktion können in der Regel nicht viel mehr als 5–6 ml gewonnen werden. Unsere Analysemethoden erlauben es, mit dieser Menge sehr viele verschiedene Untersuchungen wie Proteinanalytik, Serologie, Molekulardiagnostik, Demenzdiagnostik und zelluläre Analytik durchzuführen. Dies entlastet den Patienten, denn eine Punktion ist unangenehm und mit einem Tag Bettruhe verbunden und sollte deshalb so selten wie möglich erfolgen.

Führen Laboruntersuchungen heute immer noch ein Schattendasein im Bewusstsein der Patienten?

Das Internet hat hier viel verändert. Die Menschen informieren sich heute über Diagnosen und Therapien. Der Trend geht also eindeutig in Richtung des mündigen Patienten. Und das begrüßen wir durchaus. Heute kommen Patienten auch direkt zu uns ins Labor, entweder möchten sie zusätzliche Untersuchungen durchführen lassen oder sie möchten ihren Befund genauer erläutert bekommen. Und dafür stehen wir als beratende Laborfachärzte auch gerne zur Verfügung. Wir sehen uns in gewisser Weise als Lotsen in der Medizin, die bei der stetig steigenden Anzahl an komplexen und innovativen Methoden Ärzte und Patiente bei der Diagnosefindung unterstützen und bei der Wahl der adäquaten Therapie helfen.

Was hat Sie als Medizinstudent am Fach Laboratoriumsmedizin begeistert?

Ehrlich gesagt waren Vorlesung und Praktika nicht der ausschlaggebende Punkt, da hätte man sicher einiges spannender gestalten können. Jedoch war mir relativ früh klar, dass mich die molekularen Grundlagen einer Erkrankung mehr interessieren als zum Beispiel das Herausoperieren eines Darmtumors. Labor ist exakt, reproduzierbar und liefert objektive Aussagen. Die Methodenvielfalt und die Präzision, dazu die Verknüpfung von Naturwissenschaft und Medizin: das begeistert mich bis heute. In meinen Forschungsarbeiten interessieren mich vor allem neue Biomarker, die eine noch differenziertere patientennahe Diagnostik erlauben. Was vielen gar nicht klar ist: Labormedizin ist das Fach, das mit Abstand am schnellsten einen medizinischen Fortschritt für den Patienten generiert. Heute weiß man zum Beispiel dank einer PCR-Analyse schon nach etwa einer Stunde, ob in einem Mundabstrich ein Influenzavirus vorliegt oder nicht. Gerade wenn es darum geht, Infektionen schnell einzudämmen, ist dies von erheblichem Nutzen.

Arbeiten Sie aufgrund Ihre Liebe zur Präzision in einem akkreditierten Labor?

Ja, für mich ist das das i-Tüpfelchen. Mehr Qualität und Transparenz in der Medizin geht nicht. Unsere Ergebnisse sind unabhängig von Individuen, wir messen nicht mehr „per Auge“, und deshalb ist die Labordiagnostik objektivierbar. Wenn ein Labor zudem noch akkreditiert ist, dann heißt das, dass unabhängige Stellen diese Qualität regelmäßig überprüfen und bestätigen. Mir gibt das ein sehr gutes Gefühl bei meiner Arbeit.

Herr Dr. Zimmermann, wir bedanken uns für dieses Gespräch.