Innovative Diagnostik im Labor
muss Eingang in die Routine und in
bestehende Vergütungsmodelle finden

Die stetige Entwicklung neuer innovativer Biomarker und Tests im Speziallabor ermöglicht eine schnellere und präzisere Diagnostik und effizientere Therapien. Sie stellt Ärzte und Labore jedoch auch vor große Herausforderungen. Wie können solche Innovationen in Zukunft finanziert und vergütet werden?

PD Dr. Dr. Andreas Weimann, MHBA, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender ALM e.V.,
über Innovationen im Labor; Interview: Cornelia Wanke

Welche spannenden Innovationen gibt es gerade im Bereich Labor und wie helfen sie, die Versorgung zu verbessern?

PROF. DR. Dr. ANDREAS WEIMANN: Schon seit Jahren findet eine stetige Entwicklung neuer innovativer Biomarker auf den verschiedensten Gebieten für eine zunehmend differenzierte Diagnostik statt. Dies ermöglicht neben einer verbesserten Früherkennung und besserem Staging insbesondere eine optimierte Therapiesteuerung und erlaubt eine personalisierte und zielgerichtete Behandlung. Erwähnt sei hier zum Beispiel die digitale PCR, die zurzeit eine der sensitivste Methoden ist, um geringste Mengen an freier Tumor-DNA im Plasma nachzuweisen. Leider ist diese Form der Analytik im Moment für den gesetzlich versicherten Patienten im ambulanten Bereich in Deutschland nicht abrechnungsfähig. 

Andere aktuelle Innovationen in der Diagnostik sind zum Beispiel die erfolgreiche Entwicklung eines Tests zur Unterscheidung einer aktiven von einer latenten Tuberkulose. Gerade in der jetzigen Situation mit der Notwendigkeit zu einem schnellen Screening im Rahmen einer adäquaten Migrationsmedizin, erleichtert eine derartige Diagnostik die Organisation der Abläufe insbesondere im stationären Bereich. So können unnötige Vorsichtsmaßnahmen im Falle einer latenten Tuberkulose vermieden werden, während bei der sofortigen Erkennung der aktiven Form eine effiziente Therapie unmittelbar eingeleitet werden kann.

Eine völlig andere Form der Innovation stellt die Renaissance der Trockenblutmatrix dar. So werden zum einen in der Klinik höchste Anforderungen an das Krankenhauslabor im Sinne eines stringenten Blood Patient Management (BPM) gestellt. Mit möglichst geringen Mengen an Blut soll ein Maximum an Analytik vor allem bei Intensivpatienten zur Verfügung gestellt werden. Zusätzlich steigen die präanalytischen Ansprüche kontinuierlich. Die Probe muss zum Beispiel zentrifugiert und gefroren eingesandt werden – was jedes Labor, aber auch die Einsender, vor permanente Herausforderungen stellt. Durch den Einsatz von Trockenblut als Matrix, den meisten wird dieses Verfahren vom Neugeborenen-Screening bekannt sein, ist es inzwischen möglich, umfassende Stoffwechselanalytik und endokrinologische Spezialdiagnostik für alle Patientengruppen anzubieten, wie zum Beispiel die Analytik von Multisteroidprofilen oder auch von Metanephrinen und Peptidhormonen zur Bluthochdruckabklärung. So können aus einem einzigen Tropfen Blut zig Hormone auf einmal durch den Einsatz der Tandem-Massenspektrometrie gemessen werden. Aber auch auf dem Gebiet der Nukleinsäurenanalytik können gezielt Genmutationen aus Trockenblutproben bestimmt werden.

Auch durch das Gebiet der Speicheldiagnostik „Oral Fluids“, früher eher als esoterische Matrix betrachtet, wird die Bandbreite der messbaren Analyten stetig größer: toxikologische und endokrinologische Bestimmungen, wie zum Beispiel Cortisol-Tagesprofile, können aus Speichel durchgeführt werden. Das ist gerade für pädiatrische Patienten von Vorteil, aber auch in Fällen der schwierigen beziehungsweise problematischen Gewinnung von Blut oder Urin, beispielsweise beim Nachweis illegal konsumierter Drogen, erleichtert es den Prozess der Probengewinnung ganz deutlich.

Wie können diese Innovationen in Zukunft finanziert werden?

Gerade bei innovativer Diagnostik und neuen, von der jüngsten Forschung in die Routinediagnostik überführten Analyten, ist es wichtig, dass diese Eingang in die bestehenden Vergütungsmodelle in unserem Gesundheitswesen finden. Seit Ende der 90er Jahre hat sich der Anteil der Laborausgaben in Relation zu den Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) um zirka 10 Prozent reduziert und macht heute nur etwa 2,5 Prozent der Gesamtausgaben aus. Gleichzeitig ist die Zahl der durchgeführten Laboruntersuchungen deutlich gestiegen. Diese gegenläufige Bewegung der fallenden Einzelerlöse pro Analyt mit ständig steigenden Leistungsmengen spiegelt die Leistungsfähigkeit der fachärztlich geführten Labore in Deutschland wider.

 

„Das Tempo bei Innovationen im Speziallabor
ist derzeit deutlich höher als die Bereitschaft der Selbstverwaltung,
diese Innovationen einzuführen.“

 

Deutschland hat heute bereits im internationalen Vergleich die niedrigsten Vergütungen bei der überwiegenden Anzahl der Laborparameter. Die meisten Innovationen in Speziallaborbereich sind „leider“ sinnvoll und es ist bei weitem nicht so, dass ein neuer innovativer Marker andere Marker ersetzt. Zukünftige Innovationen werden stärker individualisiert sein und weiterhin solidarisch finanziert werden müssen. Das Tempo bei Innovationen im Speziallabor ist derzeit deutlich höher als die Bereitschaft der Selbstverwaltung, diese Innovationen einzuführen.

Ein möglicher Weg im ambulanten Bereich bestünde in der extrabudgetären Vergütung von Laborleistungen bei gleichzeitiger Steigerung der Indikationsqualität, um inhaltlich qualitativ einer Mengenausweitung entgegenzusteuern. Im stationären Bereich wird die Labordiagnostik innerhalb des DRG Systems mitfinanziert. Hier ist es unabdingbar, ganz eng mit den klinischen Kollegen von Fall zu Fall zu entscheiden, welche Form der Analytik für den einzelnen Patienten die bestmögliche und bezahlbare ist.

Welchen Beitrag leistet die Labormedizin, um die Versorgung effizienter und effektiver zu machen?

Dadurch, dass ein immer größer werdender Anteil der Analytik automatisiert auf modernen Hochdurchsatz-Systemen und mit den neuesten Technologien abgearbeitet werden kann, erreichen wir in der Laborversorgung von heute kontinuierlich kürzere Analysezeiten (TAT) und können so immer schneller Resultate für eine optimierte Patientenversorgung zur Verfügung stellen. Dabei ist die Automatisierung kein Selbstzweck, sondern entlastet das im Labor tätige Personal von Routineaufgaben und ermöglicht in immer mehr Feldern eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung. Insbesondere auf dem Gebiet der bakteriologischen Analytik, bedingt durch die zunehmende Problematik der multiresistenten Keime, werden in den Krankenhauslaboren vermehrt mikrobiologische Straßensysteme eingesetzt. Dreischichtsysteme für das Personal werden auch in diesem Bereich immer häufiger, da die Intensivmedizin von heute immer kürzere TATs voraussetzt und eine Identifikation der Keime und Resistenzen im 24/7-Betrieb fordert. Dabei besteht nicht nur eine hohe Anforderung an die Analytik, sondern insbesondere auch an die elektronische Vernetzung der Akteure.

Als Standards gelten heute für das Krankenhauslabor die elektronische Auftragsanforderung und die elektronische Befundübermittlung. So werden Übertragungsfehler minimiert, die Patientensicherheit gesteigert und eine schnelle Verfügbarkeit sämtlicher Ergebnisse in der elektronischen Patientenakte gewährleistet. Zusätzlich ermöglicht die Digitalisierung von Labordaten den Einsatz künstlicher Intelligenz. Mittlerweile existieren erste Ansätze für den Einsatz von Algorithmen, mathematischen-elektronischen Automaten, die bereits auch eine komplexe Art der Befundung übernehmen können und es dadurch den Ärzten ermöglichen, weniger redundante Befundungstätigkeiten, als vielmehr patientennahe wertschöpfende Tätigkeiten, so zum Beispiel in der infektionsmedizinischen Beratung zur Bekämpfung multiresistenter Erreger zu übernehmen.

 


 

PD Dr. Dr. Andreas Weimann, MHBA, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender ALM e.V.,

Zur Person:

PD Dr. Dr. med. Andreas Weimann ist Facharzt für Laboratoriumsmedizin, Diplom-Biochemiker und hat einen Master in Health Business Administration. Er ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender des ALM e.V. und Geschäftsführer der Labor Berlin – Charité Vivantes GmbH.