Interdisziplinäre hämatologische Labordiagnostik

Bluterkrankungen: Das böse Tier im Dschungel

Blut gilt als Symbol des Lebens – doch der „besondere Saft“ kann auch tödliche Erkrankungen hervorbringen. Leukämien etwa machen in Deutschland rund 2,4 Prozent aller Tumorerkrankungen aus. Jedes Jahr erkranken mehr als 11.000 Menschen daran, davon die Hälfte an den schnell voranschreitenden Formen Akute myeloische Leukämie (AML) und Akute lymphatische Leukämie (ALL). Die ersten Anzeichen erscheinen oft völlig harmlos: Krankheitsgefühl, Fieber, Schwäche.

Moderne interdisziplinäre Labormedizin rettet Leben

Erst im Differenzialblutbild – die genaue Untersuchung der verschiedenen Typen von weißen Blutkörperchen – zeigt sich ein alarmierender Befund: eine drastisch reduzierte Leukozyten-Zahl. Das passiert zum Beispiel, wenn die lebenswichtige Neubildung von weißen Blutkörperchen im Knochenmark ins Stocken gerät, weil sich funktionsuntüchtige Zellen sprunghaft vermehren und die normalen Blutzellen verdrängen. Dann ist höchste Eile geboten. Denn dieser Krebs wird sofort im ganzen Organismus verteilt. Dafür sorgt das Blut selbst. Wegen Leukämieverdachts erfolgt eine Knochenmarkpunktion. Dieses Probenmaterial kann praktisch nur ein modernes Großlabor zuverlässig auswerten, wo Experten für Labormedizin, Hämatologie, Onkologie und Genetik in Rufweite kooperieren.

Erfahrung und Expertenwissen

Wie moderne Kunst sehen sie aus: Blutausstriche und Knochenmarkpräparate unterm Mikroskop. Und wie bei einem abstrakten Gemälde wird der Betrachter auch mit Unsicherheit und Chaos konfrontiert. Dann sind Erfahrung und Expertenwissen gefragt. Hochmoderne Analysegeräte wie Fluoreszenzmikroskope, Durchflusszytometer und Scanning-Tools liefern Daten und kristallklare Bilder. Aber die Interpretation der morphologischen Details – wie Granula, Auerstäbchen, Risse im Zellkern oder Unregelmäßigkeiten der Membran – ist Hand- beziehungsweise Augenarbeit.

Wie eine Expedition in ein unbekanntes Dschungelgebiet

Ausstriche aus Blut auf Objektträgern zu mikroskopieren: Das muss man sich vorstellen „wie eine Dschungelexpedition“, erklärt die Fachärztin für Laboratoriumsmedizin, Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie Petra Groß-Judith: „In irgendeiner Ecke versteckt sich möglicherweise ein böses Tier.“ Beispielsweise atypische promyelozytäre Blasten, das sind nicht ausgereifte Vorläuferzellen der Granulozyten, einer Unterform der weißen Blutkörperchen, die auf eine Akute myeloischen Leukämie hindeuten.

Breites Spektrum verschiedener Methoden

„Die Diagnostik hämatologischer Erkrankungen benötigt ein ungewöhnlich breites Spektrum verschiedenere Methoden, die sehr gut aufeinander abgestimmt werden müssen“, heißt es im medizinischen Lehrbuch. In der Praxis ist hier ein Labor gefordert, das nicht nur die neuesten Methoden und Verfahren bereithält, sondern auch die Teamexpertise von Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen.
Zwei bis drei Jahre Übung benötigten Mitarbeiter:innen, um eine Knochenmarkprobe mit 100.000 Zellen in einem Ausstrich auswerten zu können und Anomalien zu erkennen, sagt die Biologin Barbara Seipel. Detektivarbeit mit Mikroskop und innovativer Technik. So gelingt es, in kürzester Zeit eine Akute myeloischen Leukämie zu bestimmen.

Schnelle Diagnose – rechtzeitige Behandlung

Ein integrierter Befund unter Zusammenfassung aller angewandten Diagnostikmethoden geht ohne Verzug an den Arzt oder die Klinik. Schnell genug, um auch akut erkrankten Patienten eine Heilungschance durch die Wahl der richtigen Therapie zu ermöglichen.

Lesen Sie gerne in unserem Magazin Labor erleben (02/2023) das reale Fallbeispiel einer 63 Jahre alten Betroffenen mit einer seltenen AML-Unterform, der moderne interdisziplinäre Labordiagnostik das Leben rettete.

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