„Wir identifizieren über 3.000 Bakterien. Frühzeitig und schnell – für die gezielte Behandlung unserer Patienten.“

Interview mit Prof. Dr. med. Angela Valeva, Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie

Prof. Dr. med. Angela Valeva, Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie

Sie identifizieren jeden Tag viele verschiedene Erreger für eine schnelle gezielte Behandlung der Patienten. Wie funktioniert das genau?

Prof. Angela Valeva: Um den krankheitsauslösenden Keim zu isolieren, verwenden wir eine Vielzahl von unterschiedlichen flüssigen und festen Medien, die ganz speziell auf das Wachstum der verschiedenen Erreger abgestimmt sind. Viele schwer kultivierbare Keime lassen sich nur mithilfe arbeitsaufwändiger spezieller Anzuchtmethoden überhaupt nachweisen. Unmittelbar nach dem Eingang der Proben werden diese auf die entsprechende Kulturmedien aufgetragen, das ist das sogenannte „Animpfen“. Anschließend werden die beimpften Kulturmedien in Brutschränken inkubiert, das heißt, dass die Keime bei einer Bebrütungstemperatur von 37°Celsius angezüchtet werden. Nach ein bis zwei Tagen werden die gewachsenen Bakterienkolonien optisch begutachtet und die klinisch relevanten Bakterien werden weiter bearbeitet. Diese werden meistens mithilfe automatisierter biochemischen Verfahren identifiziert. Gleichzeitig wird auch die Antibiotikaresistenzbestimmung durchgeführt. Durch die Wahl der richtigen Anzuchtmethode zusammen mit unserer Erfahrung bei der Begutachtung und der Weiterbearbeitung der gewachsenen Bakterienkolonien sind wir in der Lage, tausende von verschiedenen Keimen sicher zu unterscheiden.

Wie genau sieht Ihr täglicher Arbeitsablauf aus?

Trotz der zunehmenden Einführung automatisierter Verfahren, ist die Arbeit in der Mikrobiologie heute immer noch zu einem großen Teil Handarbeit. Welcher Erreger braucht welches Medium, wie lange muss im Einzelfall bebrütet werden, welche Farbe nimmt die Kolonie an, kommt es zur Hämolyseerscheinung auf dem Spezialnährboden oder nicht: all diese Fragen können nur mit der entsprechenden Fachausbildung und Erfahrung beantwortet werden. Dies bedeutet, dass meine Arbeit zu einem großen Teil aus operativer Labortätigkeit besteht. Hier arbeite ich gemeinsam mit meinem Team aus mikrobiologisch erfahrenen MTLAs. Außerdem nehme ich sehr oft Rücksprache mit den behandelnden Ärzten, um die Befunde der Patienten gemeinsam zu besprechen. Dieser direkte Kontakt mit den Einsendern macht ungefähr ein Drittel meiner Arbeitszeit aus. Darüber hinaus bin ich verantwortlich für die Einhaltung der SOPs und die korrekte Durchführung sämtlicher Qualitätskontrollen. Wir sind ein akkreditiertes medizinisches Labor, daher sind die Anforderungen diesbezüglich sehr hoch.

Ist die Akkreditierung im Bereich Mikrobiologie besonders wichtig?

Ja, denn anders als in anderen Laborbereichen ist die Mikrobiologie noch nicht so stark automatisiert, das heißt, dass die Mitarbeiter sehr klare Vorgehensweisen und feste Kriterien benötigen, damit sie sicher die richtigen Entscheidungen treffen können. Hierzu überprüfen wir regelmäßig unsere SOPs, nehmen Kontrolluntersuchungen vor und nehmen an externen Ringversuchen teil. All dies natürlich erfolgreich (lacht).

Ein wichtiges Thema in der Öffentlichkeit ist der sinnvolle Einsatz von Antibiotika und der Kampf gegen die Ausbreitung multiresistenter Keimen. Was leistet die mikrobiologische Laboruntersuchung hier?

In Deutschland wird mit dem Einsatz von Antibiotika durchaus sinnvoll umgegangen, denn nur ein Arzt kann diese verschreiben und tut dies in aller Regel nicht leichtsinnig. Man unterscheidet die kalkulierte von der gezielten Antibiotikatherapie. Die kalkulierte Antibiotikatherapie kommt immer dann zum Einsatz, wenn es die Schwere der Erkrankung nicht erlaubt, länger mit dem Einsatz des Medikaments zu warten. Dies ist zum Beispiel notwendig bei Verdacht auf Pneumonie, Meningitis oder Sepsis. So verordnet der behandelnde Arzt aufgrund seiner Erfahrung und der Symptome des Patienten ein Antibiotikum, bevor die mikrobiologischen Ergebnisse vorliegen. Dies kann in Einzelfällen 2 bis 4 Tage dauern. Stimmt das anschließend ermittelte Laborergebnis mit dem vorab angenommenen überein, so wird die Therapie unverändert fortgeführt. Stellt sich durch die Laboranalytik aber heraus, dass die bisherige Therapie nicht optimal ist, so wird die Therapie angepasst.

Eine intensive Kommunikation und enge Zusammenarbeit zwischen Labor und behandelndem Arzt ist besonders dann erforderlich, wenn es sich um Infektionen mit multiresistenten Bakterien handelt. Hier ist die Problematik nicht nur durch den in der Öffentlichkeit bereits bekannten Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (s.g. MRSA) gemeint, sondern auch durch die zunehmende Ausbreitung von multiresistenten gramnegativen Bakterien (s.g. 3MRGN, 4MRGN). Bei Infektionen durch diese Bakterien sind eine schnelle und zuverlässige mikrobiologische Diagnostik und eine rasche Übermittlung der Laborergebnisse an den behandelnden Arzt bzw. an die zuständigen Behörden und Hygieniker von großer Bedeutung. Nur so kann die Therapie bei den betroffenen Patienten rechtzeitig optimiert werden, und die Ausbreitung solcher Bakterien durch eine schnelle Verordnung entsprechender hygienischen Maßnahmen vermieden werden.

Was zeichnet die Arbeit als Fachärztin für Mikrobiologie für Sie aus?

Ich habe mich von Anfang an für das interdisziplinäre Fach der Infektiologie begeistern können und übe es von Anfang an mit großer Leidenschaft aus. Ich arbeite in einem sehr abwechslungsreichen Gebiet, im stetigen Austausch mit Fach- und klinisch tätigen Kollegen und kann den Patienten mit meiner Arbeit sehr oft helfen. Mehr kann ich mir von meinem Beruf nicht wünschen.

Frau Prof. Valeva, vielen Dank für dieses Gespräch.