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SARS-CoV-2 oder Covid-19: 20 Wochen Pandemiemodus — ein Orientierungsversuch

 

SARS-CoV-2 oder Covid-19: 20 Wochen Pandemiemodus — ein Orientierungsversuch

Es erscheint in der Erinnerung so weit zurückzuliegen, dabei ist es nicht einmal fünf Monate her: Die Teams in den Facharztlaboren tauschten sich über die Bedeutung der ersten Berichte zu neuartigen Lungenerkrankungen im fernen China aus. Schnell war klar, dass es sich um eine durch ein neuartiges Virus ausgelöste übertragbare Infektionserkrankung handelt.

Dr. Michael Müller

SARS-CoV-2 oder Covid-19: 20 Wochen Pandemiemodus — ein Orientierungsversuch

In den Laboren wurde rasch die Entscheidung zum Aufbau der Methode und damit die Vorbereitung auf die Einführung getroffen, nicht ahnend – aber vorausschauend, dass bereits wenige Wochen später der medizinische Bedarf an zuverlässiger Diagnostik eine unvorhersehbare dynamische Entwicklung nehmen würde.

Ein wichtiges frühes Signal war die Entscheidung der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen, die SARS-CoV-2-PCR zum 1. Februar 2020 in den Leistungskatalog des EBM aufzunehmen und extrabudgetär zu finanzieren. Dank der guten und sehr vertrauensvollen Zusammenarbeit und des raschen Erfahrungsaustausches untereinander konnten schnell verschiedene methodische PCR-Ansätze entwickelt, geprüft und erfolgreich für die Routine-diagnostik eingeführt werden. Hier war Teamarbeit gefragt: Gemeinsam mit MTLA, Biolog*innen und Fachärz*tinnen für Laboratoriumsmedizin, Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie wurde kurzfristig das Vorgehen von der Probenentnahme über alle logistischen Fragen bis hin zum analytischen Vorgehen und der Befundübermittlung für diese neue Erkrankung strukturiert und organisiert, sodass wir schnell diagnostisch sehr gute und robuste Methoden etablieren konnten.

Zu dem Zeitpunkt war das Infektionsgeschehen noch nicht überall angekommen. Deutschlandweit lag die Zahl der mit PCR bestätigt Infizierten noch unter 100. Doch die allgemeine Besorgnis und die jedes einzelnen von uns stieg von Tag zu Tag, auch durch das intensive mediale Geschehen mit täglich neuen Corona-Updates und Sondersendungen. Immens wichtig war es in dieser Zeit, alle Mitarbeiter*innen im Labor umfassend über das Virus und die Infektion zu informieren und sie auf dem aktuellen Stand des Wissens zu halten, gab es doch wegen der Neuartigkeit des Virus auch viel Raum für Spekulationen und Halbwahrheiten.

Kaum war die PCR-Diagnostik im Labor etabliert, nahm die Zahl der Überweisungen pandemiebedingt deutlich zu. Und gleich am ersten Routine-Diagnostiktag gab es vielerorts den ersten meldepflichtigen positiven Befund. Es war fachärztliche Beratung und viel Kommunikation gefragt. SARS-CoV-2 war jetzt da, innerhalb weniger Wochen drehte sich scheinbar fast alles ausschließlich um die Bewältigung dieser, zumindest nach unserem Gefühl, auf uns zurasenden Infektionswelle. Besonnenheit und Ruhe, Kraft und Ausdauer und ein gutes Miteinander waren jetzt für das, was schon alle „Corona-Krise“ nannten und auch die Labore in den entsprechenden Arbeitsmodus versetzte, gefragt.

In nur wenigen Tagen war nichts mehr so wie zuvor, alle gewohnten Vorgehensweisen und Abläufe galt es zu überprüfen und auf das übergeordnete Ziel der Pandemiebekämpfung hin anzupassen. Mit schnell zunehmenden Fallzahlen und auch nach der raschen Verbreitung der Infektion im Zusammenhang mit Besuchen in Clubs, der Teilnahme an Veranstaltungen oder dem Urlaub in Österreichs Ski-Metropole Ischgl stellten sich neue Fragen, die Unsicherheit und weitere Besorgnis bei allen auslösten: Bin ich Kontaktperson? Ist mein leichter Husten jetzt eine COVID-19-Erkrankung? Wo und wie leicht kann ich mich anstecken? Was ist zu tun?

Es gab viel zu besprechen, zu erklären und zu organisieren, denn mittlerweile gab es jeden Tag immer mehr an Proben für die SARS-CoV-2-Diagnostik, was die engagierten und motivierten Teams der Molekularbiologie an die Grenzen der Belastbarkeit und bisweilen darüber hinaus brachte. Für die Fachärzt*innen im Labor stand das Telefon wegen der Anrufe besorgter Bürger*innen und der vielen Nachfragen zuweisender Praxen nicht mehr still. Dazu galt es, die ebenfalls jeden Tag steigende Anzahl an positiven Befunden persönlich vorab zu übermitteln. In diese Phase fiel auch die Besorgnis, Reagenzien könnten knapp werden und es könnte an der Zahl an verfügbaren PCR-Tests, der Laborkapazität, mangeln. Auch war unklar, wie das Testgeschehen überhaupt zu betrachten ist. Im RKI gab es „lediglich“ die täglichen Berichte über die gemeldeten Infektionsfälle.

Bereits Anfang März kam die Idee im ALM e.V. auf, zusammen mit Uli Früh von der UFCG (Uli Früh Consulting) in bewährter Weise eine bundesweite Datenerhebung zum Testgeschehen aufzubauen und in wöchentlichen Updates einen Überblick zu erstellen. Die Ergebnisse wurden von Beginn an allen Beteiligten zugänglich gemacht und direkt an die KBV, das RKI sowie den Krisenstab im BMG übermittelt, um hier die Möglichkeiten zur Einschätzung der Lage zu verbessern.

Woche für Woche wird diese wichtige Arbeit von einer zunehmenden Zahl an Laboren, ganz unabhängig von der ALM-Mitgliedschaft, unterstützt. Gut 85 Prozent des gesamten SARS-CoV-2-Testgeschehens werden hier gebündelt und strukturiert zusammengefasst. Diese spontane und nachhaltige Zusammenarbeit gibt Kraft und Zuversicht, dass es möglich ist, in außergewöhnlichen Zeiten einen gemeinsamen Fokus zu entwickeln und daran zu arbeiten – eine wichtige positive Erkenntnis.

Eine positive Erfahrung ist es auch, die Daten zur SARS-CoV-2-Diagnostik in Deutschland auch den Medien und damit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So entschlossen wir uns erstmalig dazu, in wöchentlichen Pressekonferenzen über das Testgeschehen, die in den Facharztlaboren vorhandenen (und besonders im März und April sehr stark ausgebauten) Testkapazitäten und besondere Fragen im Zusammenhang mit der COVID-19-Diagnostik zu informieren. Parallel dazu galt es, sach- und lösungsorientiert die entstehenden Gesetze und Verordnungen, die wie die Pandemie quasi als Welle entstanden, zu analysieren und in Stellungnahmen zu kommentieren. Es war auch notwendig, zu wichtigen Fragen den Standpunkt der fachärztlichen Labore in Positionspapieren deutlich zu machen, sei es zum Pooling, den jenseits der ärztlich verantworteten Diagnostik als Wildwuchs entstehenden industriellen Testangeboten oder zu wichtigen Fragen der Teststrategien im Zusammenhang mit Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern und systemrelevanten Unternehmen.

Die Öffentlichkeit war aufgerufen zur Abstandshaltung und Kontaktreduktion und aus Angst vor einer Ansteckung fanden sich seit Mitte März immer weniger Patient*innen in den Arztpraxen ein. Dies hatte zur Folge, dass innerhalb kurzer Zeit im Labor bisweilen weniger als die Hälfte der sonst üblichen Überweisungsfälle zu untersuchen waren. Das führte zu zusätzlicher Verunsicherung darüber, was das zu bedeuten habe und wie lange es anhalten würde.

In diesem Zustand mit täglich wechselnder Dynamik und ständiger Anspannung befinden wir uns nun seit gut drei Monaten. Zwar ist eine gewisse Routine eingetreten und die Abstandsregeln mit Umsetzung in allen Bereichen, der Umgang mit dem latenten persönlichen Risiko einer Infektion und das Wissen um die Möglichkeiten des eigenen Schutzes stärken das Selbstvertrauen. Die Erkenntnis, dass wir uns bis zur Verfügbarkeit von wirksamen Therapien und Impfungen über eine längere Zeit auf besondere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie einstellen müssen, bewirkt, dass wir die Abläufe, Verhaltens- und Verfahrensregeln hierauf abstimmen. Das könnte uns auch helfen, die nächste Grippesaison, die in einigen Monaten beginnen wird, gut zu meistern.

Auch in den Arztpraxen und den Krankenhäusern findet man langsam wieder zurück zur „Normalität“: Vermehrt suchen auch wieder Patient*innen, die chronisch oder akut erkrankt sind, die Praxen auf. Wir spüren das in den fachärztlichen Laboren durch wieder langsam zunehmende Überweisungen an Laboruntersuchungen in allen Bereichen der Labormedizin und Mikrobiologie.

Unser Zwischenfazit: Die in der Intensität nicht vorhersehbare und schwer einschätzbare SARS-CoV-2-Epidemie mit ihren allgemeinen und den in unserer Arbeitswelt spürbaren Auswirkungen zeigt uns mehr denn je, dass wir mit einer Zusammenarbeit, die auf Vertrauen und eigenes Zutrauen ausgerichtet und auf das Wesentliche fokussiert ist, die Herausforderungen gut meistern können. Dabei hat sich herausgestellt, dass menschlichen Faktoren, eine positive Einstellung, eine auf die Stärken jeder Person ausgerichtete Strategie unter Bewahrung von Humor und Freude an der täglichen Arbeit wichtig sind. Wir sind auch dankbar dafür, dass wir, die Fachärzt*innen im Labor und alle Mitarbeiter*innen in dieser Zeit, für unsere Arbeit und das Engagement so außerordentlich viel positive Anerkennung und Wertschätzung erfahren haben. Das hilft, alle Kräfte für die anstehende Zeit zu mobilisieren und für eine gute Versorgung mit fachärztlich verantworteter Labordiagnostik zu bündeln.

Dr. Michael Müller, 1. Vorsitzender ALM e. V.

Zur Person

Dr. Michael Müller ist niedergelassener Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Geschäftsführer des MVZ Labor 28. Seit Mai 2016 ist er 1. Vorsitzender des ALM e.V.