Sascha Lobo über digitale Entwicklungen und Innovationen im Bereich der Gesundheit

„Gesundheit und Digitalisierung sind von der Wirkmacht her die am meisten unterschätzten Themen“

Dieser Satz hätte gut als Schlusswort der Fokusveranstaltung des ALM dienen können. Doch Sascha Lobo, Experte in Sachen Digitalisierung, platzierte das Statement gleich zu Beginn seines Vortrags. Volle Wirkung garantiert. Denn spätestens jetzt lauschten die über hundert Gäste mit gespitzten Ohren den Worten des Bloggers mit dem Irokesenschnitt.

Sascha Lobo über digitale Entwicklungen und Innovationen im Bereich Gesundheit

Bei vielen Haus- und Fachärzten sei das Thema Datenorientierung offenbar noch nicht angekommen: „Da haben Sie als Labormediziner einen klaren Vorsprung. Denn dass die Zukunft datenseitig stattfindet, ist für Sie eine Selbstverständlichkeit.“ Und das sei auch gut so, schließlich lebe man in einer Zeit exponentiellen Fortschritts. „Alles geht heute doch schon viel schneller und intensiver. Ein Beispiel: Vor zehn Jahren hatten die meisten Menschen noch kein Smartphone. Wenn ich Sie heute bitte, mir Ihr Smartphone zu geben, dann fühlen Sie sich spätestens nach ein paar Minuten wie amputiert.“

 

„Wir erziehen eine ganze Alterskohorte
mit quasi angewachsenen Smartphones.“

 

221 Mal am Tag zieht laut Lobo ein durchschnittlicher Nutzer sein Smartphone aus der Tasche: „Wir erziehen eine ganze Alterskohorte mit quasi angewachsenen Smartphones.“ Mobil sei zudem das neue Normal: Seit dem 01. November 2016 übersteige die Zahl der Seitenaufrufe über mobile Geräte die über Desktop-Computer. Dies sei aber nur ein Teil einer rasanten Entwicklung: „Es gibt Leute in den sozialen Medien, die ihr Mittagessen fotografieren und mit der Welt teilen. Viel harmlosere Daten als solche Fotos gibt es scheinbar nicht. Aber im nächsten Schritt wird schon der Kaloriengehalt gemessen, die Nähr- und Schadstoffe. Das könnte die ganze Ernährungsindustrie durcheinanderrütteln.“ So könnten aus Daten, die man bisher für unwichtig hielt, branchenrelevante Daten werden.

Das größte Hemmnis der Digitalisierung sei die Angst davor. Dabei sei es nicht die Digitalisierung an sich, die man zu fürchten habe: „Technologien verändern nicht die Welt – sehr wohl aber die Art und Weise, wie wir sie nutzen.“ Nicht um die Hard- oder Software ginge es in erster Linie, sondern um die Art und Weise, wie sich Menschen mit der Technologie verhalten: „750 Millionen Mal wurde Pokémon GO heruntergeladen. Ich bin selbst auf Level 35!“ Solche Bewegungen sollten einem zu denken geben, auch wenn Pokémon GO durchaus einen Nutzen aus medizinischer Sicht habe: „Das Spiel bringt genau diejenigen auf die Straße, die Bewegung dringend nötig haben!“

Die massive technische Entwicklung habe zwar zu einer wahren „Sensorenflut“ geführt – in jedem Smartphone sind unzählige unterschiedlichster Messfühler verbaut, die weitreichende Rückschlüsse auf eine Person zulassen –, zu jeder technischen Entwicklung gehöre jedoch auch eine Verhaltensänderung: „Menschen lieben es, Daten zu teilen und ins Netz zu stellen. Und egal, was sie behaupten: Diese Datenbegeisterung hat keine natürliche Begrenzung!“ So würden auf einem US-amerikanischen Portal Menschen ihre Geschlechtskrankheiten teilen – einfach, weil der Anreiz hoch genug sei: „Wenn man den Menschen die richtige Motivation gibt, dann werden sie die intimsten Daten teilen. Wenn für die Preisgabe der Daten ein Nutzen ersichtlich ist, dann werden Menschen immer wieder auf dieses Angebot eingehen“, so der Netz-Experte. Er warnt: „Irgendwann kommt dann der Moment, an dem die Daten, die Sie bisher in Ihrer Hoheit glaubten, von irgendjemandem ausgewertet werden, der sie für sich und seine Zwecke nutzen kann.“

 

„Gesundheit gehört zum digitalen Lebensstil.“

 

Was das Gesundheitswesen angeht, so ist sich Lobo sicher, dass ein Teil der digitalen Revolution von den Patienten selbst ausgehen werde. „Patienten werden wollen, dass die von ihnen gesammelten Daten von den Ärzten auch genutzt werden.“ Eine Vielzahl von Menschen interessierte sich überhaupt erst durch die Digitalisierung für ihre Gesundheit: „Gesundheit gehört zum digitalen Lebensstil.“ All dies münde in eine neue Wirtschaftsform, den Plattform-Kapitalismus. Dabei komme es weniger auf die Daten, sondern auf die Datenströme an: „Denn diese bilden Veränderungen ab. Die Gesundheitsbranche wird in besonderem Maße betroffen sein.“

Dies zeige auch die Tatsache, dass Google 700 Millionen Dollar in ein Projekt investiert, das sich damit beschäftigt, Krankheiten ohne Medikamente zu heilen – auf Basis von Verhaltensänderungen und präzisen Daten. Lobo sieht hierin eine große Herausforderung für die Ärzte: „Ich glaube, viele Menschen werden versuchen, ihre Fragestellungen maschinell zu lösen – ohne Ärzte und Medizin. Unabhängig davon, ob das sinnvoll ist oder nicht. Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten. Deshalb wäre Ihnen zu raten, dass Sie sich aktiv beteiligen, die Debatte mitbestimmen.“ Die Nutzung von Datenströmen böte zwar eine neue Effizienz, sie brächte jedoch auch Effizienzradikalität: „Wollen wir in einer Welt leben, in der Sie von Ihrer Zahnbürste eine Nachricht bekommen, Ihre Zahnversicherung würde teurer, wenn Sie künftig Ihre Zähne nicht regelmäßig putzen?“

 

„Sie haben eine Verantwortung, dies alles
mitzugestalten. Den Fortschritt mitzusteuern.“

 

Auf Grundlage von Wärmedaten der Hand würden mittlerweile Diagnosen gestellt, Googles Irisfoto könne angeblich Herzkrankheiten erkennen. Ein Startup vom MIT in Boston will  aus der Stimme heraushören können, ob Menschen an einer Herzkrankheit oder einer psychischen Erkrankung leiden. Am 09. Oktober 2017 habe Apple ein Patent für die Blutzuckermessung aufgelegt – ohne Blut, nur mit der Apple Watch. In den USA wurde am 13. November 2017 das erste digitale Medikament der Welt zugelassen: „Seit diesem Tag ist es Realität, dass Datenmessgeräte in den Körper hineinkommen“, stellt Lobo fest. Angesichts all dieser Entwicklungen rät Lobo: „Sie haben eine Verantwortung, dies alles mitzugestalten. Den Fortschritt mitzusteuern. Ich wünsche mir, dass sich das deutsche Gesundheitswesen lieber langsam weiterentwickelt, als dass wir einen Klon vom amerikanischen bekommen.“

ALM aktuell 02/2018 in der Druckversion zum Download (800 kB)

 


Sascha Lobo

Zur Person

Sascha Lobo ist Blogger, Buchautor, Journalist und Werbetexter. Seine Schwerpunktthemen sind das Internet, vermischte Realität und digitale Technologien und deren Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung.