Wertvolle Labordaten für eine kontinuierliche Verbesserung der Patientenversorgung einsetzen

Die sektorenübergreifende und interdisziplinäre Evaluation von Leitlinienkonformität, Qualität und Wirtschaftlichkeit in der labormedizinischen Versorgung, sowie die Generierung epidemiologischer und prozessrelevanter Erkenntnisse sind Ziele der AG Versorgungsforschung des ALM e.V.

Prof. Dr. Jan Kramer, Vorstandsmitglied ALM e.V., zu Versorgungsforschung im Gesundheitswesen
Interview: Cornelia Wanke

Versorgungsforschung ist ein noch junges Forschungsfeld im Gesundheitswesen. Der ALM e.V. will auch hier Akzente setzen. Welchen Beitrag kann die Labormedizin leisten?

PROF. DR. JAN KRAMER: Zunächst einmal möchte ich hervorheben, dass die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen sowie alle qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den medizinischen Laboren, die im ALM e.V. organisiert sind, ihre Aufgabe der täglichen Patientenversorgung in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit stellen. In den Laboren werden täglich etwa 500.000 Patientinnen und Patienten laborärztlich versorgt. Pro Jahr geben die Laborärzte etwa 1 Milliarde Mal Hilfestellung im medizinischen Prozess. Das zeigt, welche Menge an primären Daten direkt aus der Patientenversorgung entstehen. Auch bei der sekundären Auswertung solcher Daten sind selbstverständlich Patientenrechte und Datenschutz oberste Prämisse.

Bereits heute tragen in der täglichen Routine verschiedene ärztliche Fachgebiete auf dem Gebiet der Labordiagnostik grundlegend dazu bei, eine Übersicht über die Gesundheitssituation der Bevölkerung zu bekommen. So gibt es beispielsweise ein etabliertes Meldewesen für Infektions- und Krebserkrankungen, das ganz wesentlich von den medizinischen Laboren mitgetragen wird. Das Ergebnis sind die regelmäßigen Publikationen des Robert-Koch-Instituts mit dem Infektionsepidemiologischen Jahrbuch sowie den Berichten zum Krebsgeschehen in Deutschland. Medizinische Labore liefern aber auch seit Jahren die grundlegenden Daten für die Surveillance-Berichte im Bereich der Keim- und Resistenzstrategien und sind damit die wichtige Basis für die Deutsche Antibiotika-Resistenz-Strategie der Bundesregierung. Auch in akuten Ausbruchssituationen von Infektionen ermöglichen medizinische Labore bereits heute im Austausch mit Gesundheitsämtern und anderen Behörden eine rasche Datenauswertung im Interesse der Aufrechterhaltung der Gesundheit der Bevölkerung.

 

„Es ist Teil der ärztlichen Verantwortung,
Labordaten für die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung
der medizinischen Versorgung auszuwerten.“

 

In der Labormedizin wird ärztliche Leistungserbringung umfassend und transparent dokumentiert. Es ist Teil der ärztlichen Verantwortung, diese Labordaten für die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung auszuwerten. Labormedizin leistet in der Routineversorgung hierbei schon heute einen wichtigen und grundlegenden Beitrag.

Welchem Ziel widmen sich die Mitglieder des ALM e.V. im Bereich der Versorgungsforschung?

Im Jahr 2016 bildete der ALM e.V. eine AG Versorgungsforschung. Eine ärztliche Aufgabe ist es, wertvolle Labordaten unter Beachtung des Datenschutzes und der Patientenrechte für eine kontinuierliche Verbesserung der Versorgung mit ihren Zielen Patientenorientierung, Qualität und Wirtschaftlichkeit einzusetzen. Mit dem Institut für Gesundheits- und Sozialforschung IGES konnte hierfür ein interessenneutraler, wissenschaftlicher Partner mit umfangreichen Erfahrungen in der Versorgungsforschung und Epidemiologie sowie im Aufbau von großen Forschungsdatenbanken gewonnen werden. Das gemeinsame Ziel ist die Evaluation der Qualität in der labormedizinischen Versorgung sowie die Generierung epidemiologischer und prozessrelevanter Erkenntnisse. Auch die Analyse des Einflusses labormedizinischer Untersuchungen auf den Krankheits- bzw. Therapieverlauf sowie die Evaluation der Schnittstelle zwischen Arzt und Laborarzt in der Prä- und Postanalytik kann Thema werden. Die AG Versorgungsforschung des ALM e.V. möchte verbands- und laborübergreifend alle Interessierten zur kollegialen Mitarbeit einladen. Ideen und Vorschläge für die Entwicklung einer sektorenübergreifenden und interdisziplinären Versorgungsforschung sind sehr willkommen.

Die Bedeutung der Labormedizin wird immer wieder unterschätzt. Wie will der ALM e.V. die Labormedizin als Konditionalfach greifbarer machen?

Labormedizin ist ein grundlegendes ärztliches Fachgebiet, ohne das eine adäquate Patientenversorgung nicht möglich ist. Die diagnostischen Möglichkeiten der Labormedizin ermöglichen erst die Teilhabe jedes Menschen an einer angemessenen und umfassenden medizinischen Versorgung. Laborärztliche Befunde unterstützen, neben der Bildgebung, objektiv während des gesamten medizinischen Prozesses, von der Früherkennung über die Diagnose und Therapie bis hin zur Nachsorge, die subjektiven klinischen Entscheidungen auf Basis von Anamnese, körperlicher Untersuchung und ärztlicher Erfahrung.

Die Qualität der Laborversorgung hängt dabei wesentlich auch von der richtigen Indikation zur Laboruntersuchung, der entsprechenden Test- und Materialauswahl und der laborärztlichen Mitinterpretation der Laborergebnisse ab. Laborärzte sind hierbei die „Lotsen“ durch labordiagnostische Möglichkeiten und Innovationen und unterstützen im ärztlichen Dialog klinisch tätige Kollegen in der direkten Patientenversorgung. Diese grundlegend ärztliche Bedeutung der Labormedizin möchten wir mit entsprechend wissenschaftlicher Analyse herausarbeiten und darstellen. Nachwuchs ist in vielen medizinischen Fächern Mangelware – ganz besonders aber auch in der Labormedizin.

Was kann getan werden, um den Nachwuchs im Labor dauerhaft zu sichern?

Zunächst ist es unabdingbar, dass Labormedizin Teil des Medizinstudiums und der ärztlichen Ausbildung ist und zeitnah politisch eine Stärkung des Fachgebietes an den Universitäten erzielt wird. Studierende und junge ärztliche Kolleginnen und Kollegen müssen erfahren, dass Labormedizin kein langweiliges theoretisches Fachgebiet ist, sondern hoch interessant und vielfältig. Kaum ein anderes ärztliches Fachgebiet ist im interdisziplinären Dialog bei fast allen differentialdiagnostischen Entscheidungen so grundlegend und intensiv beteiligt. Darüber hinaus werden wichtige Innovationen wie „Liquid Biopsy“, die insbesondere bei Krebserkrankungen eingesetzt wird, im Labor entwickelt und auch dort angewandt. Dies ermöglicht eine individualisierte und optimale Therapiensteuerung. Das gilt auch auf dem wichtigen Gebiet der Infektiologie, der Mikrobiologie und der Hygiene: besonders hier sind medizinische Labore der Kondensationsort des diagnostischen Geschehens.

Die flächendeckende und wohnortnahe Verfügbarkeit regionaler Labore ist ebenfalls unabdingbar. Dabei ist die von Fachärzten verantwortete Labormedizin hoch effektiv. Logistik und Digitalisierung werden laborärztlich gesteuert und ermöglichen auch in strukturschwachen Regionen Qualität und Sicherheit sowie eine bedarfsgerechte Patientenversorgung. In diesem Umfeld ärztliche Versorgung mitzugestalten, kann für junge Ärztinnen und Ärzte sehr spannend sein. Zudem sind im medizinischen Labor sehr gut flexible Arbeitszeitmodelle und familienfreundliche Arbeitsbedingungen zu realisieren.

 


 

Prof. Dr. Jan Kramer, Vorstandsmitglied ALM e. V.

Zur Person:

Prof. Dr. Jan Kramer ist Facharzt für Laboratoriumsmedizin und für Innere Medizin, Hämostaseologie. Er ist Vorstandsmitglied des ALM e.V. und Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des LADR Laborverbundes Dr. Kramer & Kollegen.