Analysen der AG Versorgungsforschung der Akkreditierten Labore in der Medizin zeigen:

Wir brauchen eine medizinisch ausgerichtete Labordiagnostik statt bloßer Mengensteuerung!

Falsche Anreize – schlechtere Versorgung: Zum Welttag des Labors ziehen die Akkreditierten Labore in der Medizin, ALM e.V., ein eher kritisches Fazit zur vor rund einem Jahr in Kraft getretenen Laborreform: Die Reaktionen fielen sowohl bei den Fachärztinnen und -ärzten im Labor als auch bei den meisten zuweisenden Ärztinnen und Ärzten deutlich negativ aus. Die zuvor gute Versorgung mit Labor ist in Gefahr!

Die Arbeitsgruppe Versorgungsforschung im ALM e.V. hat sich in ersten Analysen mit den Auswirkungen der Laborreform befasst. Das Ergebnis ist in mehrfacher Hinsicht erschreckend: „Es werden sehr gravierende Fehlanreize gesetzt“, erklärt Prof. Dr. Jan Kramer, Internist und Laborarzt und als Vorstandsmitglied des ALM auch Sprecher der AG Versorgungsforschung. Beispiel Hepatitis C: „Erst kürzlich konnte die Arbeitsgruppe zeigen, dass die Laborreform des EBM vom 01.04.2018 im Hinblick auf die Früherkennung der Hepatitis B und C gegen den Infektionsschutz in Deutschland arbeitet“, berichtet Kramer (Kramer et al., 2019; akzeptiert zur Publikation im Journal of Viral Hepatitis). Über den Rückgang der Anforderung von HBsAg (EBM 32781) um 7,4 Prozent und anti-HCV (EBM 32618) um 9,4 Prozent seit Beginn der Reform hatte auch die Ärzte Zeitung berichtet (Ärzte Zeitung online am 06.03.2019).

In einer aktuellen Auswertung anonymisierter Daten konnte die AG Versorgungsforschung darüber hinaus nachweisen, dass seit Beginn der Laborreform die Anforderung von Laboruntersuchungen des Infektionsschutzes sowie zur Diagnostik sexuell übertragbarer Erkrankungen ebenfalls signifikant zurückgegangen sind. „Die sehr eng gefassten Ziffernkränze bei den neuen Ausnahmeindikationen verunsichern viele Vertragsärzte“, stellt Dr. Michael Müller, 1. Vorsitzender des ALM e.V., fest.

Eine bundesweit angelegte Studie, in der seit 2012 der Leistungsbedarf im ambulanten niedergelassenen Laborbereich erhoben wird und mit über 100 teilnehmenden Facharztlaboren knapp 80 Prozent der in der ambulanten Versorgung überwiesenen Laboruntersuchungen erfasst werden, zeigt, dass die Ärztinnen und Ärzte immer weniger Laboruntersuchungen anfordern. Bis einschließlich 4. Quartal 2018 ist, je nach Bereich, ein Rückgang von bis zu 10 Prozent zu verzeichnen. Dabei wird deutlich, dass die Vertragsärzte durchschnittlich weniger Laboruntersuchungen pro Patient veranlassen.

„Die Verantwortlichen sollten sich an dieser Stelle fragen, ob die Schwerpunkte in der Laborreform richtig gelegt sind“, so Müller. Denn die Auswertungen des ALM e.V. zeigten eindeutig, dass „an der falschen Stelle gespart“ werde: „Statt auf reine Mengenbegrenzung bei Laborleistungen zu setzen, hätten wir uns gewünscht, dass von Beginn an die Qualität der Indikationsstellung mehr in den Fokus genommen wird“, betont Müller.

Der Facharzt für Laboratoriumsmedizin setzt deshalb stark auf die Zusammenarbeit mit den haus- und fachärztlichen Kolleginnen und Kollegen in Praxis und Klinik und freut sich über die aktuellen Diskussionen und Arbeitsergebnisse im Workshop der KBV: „Wir werden gemeinsam labordiagnostische Pfade als Empfehlungen für die Kolleginnen und Kollegen auf den Weg bringen, die sich primär am medizinischen Bedarf und ärztlichen Handeln orientieren und so den Weg hin zu mehr Indikationsqualität ebnen!“

Dass dieser Weg zum Ziel führen kann, weiß Müller aus der eigenen Laborpraxis: „Diagnostische Pfade wirken sich positiv auf die Versorgung aus und stärken die innerärztliche Zusammenarbeit.“ Und auch die Auswertungen einer Umfrage des ALM e.V. zur Laborreform zeigen: Drei Viertel der befragten Ärzte sind der Meinung, dass indikationsbezogene Standards sehr hilfreich bei der Erbringung und Veranlassung von Laboruntersuchungen sein können.

Abbildung 1: Relative Laboranforderungsmengen im Vergleich zum Vorjahresquartal für die Laborwerte zur Früherkennung einer Hepatitis B (HBs-Antigen, HBsAG mit der EBM-Ziffer 32781) und einer Hepatitis C (anti-HCV mit der EBM-Ziffer 32618).

Abbildung: Relative Laboranforderungsmengen im Vergleich zum Vorjahresquartal für die Laborwerte zur Früherkennung einer Hepatitis B (HBs-Antigen, HBsAG mit der EBM-Ziffer 32781) und einer Hepatitis C (anti-HCV mit der EBM-Ziffer 32618). Bereits im 1. Quartal 2018 wurden zahlreiche Ankündigungen zu den wirtschaftlichen Folgen in der anfordernden Arztpraxis im Rahmen der Laborreform mit Beginn ab dem 1. April 2018 veröffentlicht. Voraussichtlich aus Angst vor wirtschaftlichen persönlichen Folgen wurde daher ab dem 2. Quartal 2018 die Anforderung beispielsweise der genannten Laborwerte zur Früherkennung einer Hepatitis-Infektion signifikant vermindert. Für diese wissenschaftliche Analyse wurden im Rahmen der AG Versorgungsforschung des ALM e.V. insgesamt 2.432.951 anonymisierte Datensätze für HBsAg und 2.428.792 anonymisierte Datensätze für anti-HCV ausgewertet.

Unveröffentlichte Daten von Prof. Dr. Jan Kramer, Januar 2019

Über die Akkreditierten Labore in der Medizin – ALM e.V.

ALM e.V. ist der Berufsverband der Akkreditierten Medizinischen Labore in Deutschland. Der Verband vertritt derzeit über 200 medizinische Labore mit 900 Fachärzt*innen, rund 500 Naturwissenschaftler*innen und etwa 25.000 qualifizierten Mitarbeiter*innen. Der Zweck des Vereins ist die Förderung und Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen labormedizinischen Patientenversorgung in Deutschland.

Die Mitglieder des Verbandes sichern eine flächendeckende Patientenversorgung, auch in strukturschwachen Gebieten. Die Mitgliedslabore sind nach der höchsten Qualitätsnorm für medizinische Laboratorien (DIN ISO EN 15189) akkreditiert und erfüllen uneingeschränkt die Richtlinie der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung labormedizinischer Untersuchungen (RiliBÄK).

Die Aus- und Weiterbildung des ärztlichen und technischen Personals ist ein wesentlicher Aspekt ihrer täglichen Arbeit, um langfristig die zuverlässige Versorgung von Millionen von Patienten sicherstellen zu können. Der Verein strebt eine kollegiale Zusammenarbeit mit der gemeinsamen Selbstverwaltung, den medizinischen Fachgesellschaften, Berufsverbänden und Vereinen an, um gemeinschaftlich die Zukunft der Labore in der medizinischen Diagnostik in Deutschland zu gestalten.

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